Stellung beziehen! – Predigt zu Jeremia 20,7-11a

Liebe Gemeinde,

haben Sie das schon erlebt, dass Sie herausgefordert waren Stellung zu beziehen, gegen andere? Stellung beziehen und Sie wussten: Das kann Konsequenzen haben!

Aber Sie wussten: Das muss jetzt sein, das ist jetzt dran?

Mir ging es vor einigen Jahren in einem Zug nach Magdeburg so. Im Waggon saßen Rechtsradikale. Waren laut, auffällig. Und ein Schwarzer stieg zu. Man konnte ihm die Angst abspüren, als er einen Platz suchte und Sie ihn abfällig ansprachen als er vorbeikam.

Er eilte weiter, Sie schrien ihm etwas hinterher.

Ich entschloss mich ihm zu folgen, mich neben ihm zu setzen, bis er ausstieg. Der Schaffner rief dann die Bundespolizei, die ihn heil aus dem Bahnhof eskortierte.

Das war ein Moment wo ich Mut brauchte und auch ein Stück Angst hatte. Aber ich hätte nicht anders handeln und danach noch guten Gewissens in den Spiegel schauen können. Und dabei war das keine große, keine bedeutende Tat.

Mutig sein, gegen Widerstand der anderen. Das ist heute nicht leicht und war es früher nicht. Schon der Prophet Jeremia hat viel erduldet. Er wurde verfolgt, sein Leben war bedroht, wurde geschlagen und verstoßen.

Er war ungeliebt mit seiner Botschaft, dass Gott die Menschen nicht nur liebt, dass das Land in dem er lebt vernichtet werden wird, weil die Menschen Gott nicht folgen. Und doch hat er gespürt: Ich muss weitererzählen, was ich für richtig halte. Authentisch leben, nennt man das.

Und so ist er hin- und hergerissen. Zwischen der Furcht vor den Worten und Taten der Mitmenschen und dem, was für Ihn sein muss.

Im 20. Kapitel des Jeremiabuches (Jeremia 20,7-11a) sind seine Worte überliefert:

HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.

Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Liebe Gemeinde,

Jeremia macht das durch und spricht das aus, was viele durchmachen, die versuchen authentisch zu leben. Er merkt: Wenn er authentisch lebt, dann wird er verlacht, verspottet, seine Freunde geben ihn auch.

Für das authentische Leben muss er einen Preis zahlen. Keinen leichten Preis.

Und gleichzeitig merkt er: Es muss sein. „Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.

In dieser Zwickmühle ist er gefangen: Wie entscheiden? Wie kann ich authentisch leben? Meinem Gewissen folgen?

Beim Nachdenken über diese Predigt fielen mir viele Menschen und Situationen ein, die als Beispiele dafür dienen könnten, dass die Situation des Jeremia durch alle Zeiten hindurch gleich ist.

Die Christen, die immer wieder in vielen Ländern, für Ihren Glauben verfolgt und getötet wurden, auch heute noch.

Der Widerstand im Dritten Reich.

Der Widerstand gegen die WAA oder das Eintreten auch überZeugung für die WAA.

Soldaten, die sich in der friedensbewegten Kirche, rechtfertigen mussten und Kriegsdienstverweigerer, die in Ihrer Familie zum schwarzen Schaf wurden.

Das Eintreten gegen die Apartheid mit Passanten, die einen beschimpften.

Ich möchte aber ein ganz aktuelles Beispiel aus Amerika nennen, das ich vor einigen Wochen im Spiegel gelesen habe. Es hat erstmal wenig mit Politik zu tun und noch weniger mit Widerstand, aber viel mit der Frage nach Authentizität und dem eigenen Preis, dem man zahlen muss.

Es geht um Lydia O‘Leary und ihren Mann, die in Salem, New Hampshire wohnen und dort aufgewachsen sind. Diese Stadt leidet – wie die ganzen USA- unter einer Drogenkrise. Seit bald 20 Jahren werden starke Opiode als Schmerzmittel verschrieben, sie sind leicht verfügbar. Und viele sind von den Medikamenten zum Heroin gekommen.

Mehr als 11 Millionen Medikamentenabhängige gibt es und 8,7 Millionen Kinder haben mindestens einen süchtigen Elternteil.

Vor 15 Jahren wurde auch der Bruder von Lydia O‘Leary drogensüchtig und seine Schwester nahm ihn im eigenen Haus bei sich auf.

„Wie können wir der Gemeinde vor Ort helfen?“ So fragten sich die Lydia und ihr Mann darauf hin und Sie wussten: sie mussten sich um die Drogenabhängigen Mütter kümmern. Denn für diese gibt es in den USA nicht viel Hilfe.

Also nahmen Sie immer wieder Opiod-Abhängige bei sich auf, widmen ihre Freizeit und ihr Geld und ihr Familienleben – Sie haben selber vier Kinder- dem Kampf gegen die Schmerzmittelsucht.

Sie sind Kern einer christlichen Gemeinde, feiern auch Gottesdienste bei sich im Haus und sagen: Jeder Mensch sehnt sich nach etwas. Gott aber liebt jeden, egal wie unvollständig man sich fühlt.

Ich finde die Geschichte passt, weil sie davon erzählt, dass man authentisch sein muss, sich nicht verleugnen darf. Und das einen Preis hat, den man zahlen muss.

Ich werde mich nicht hinstellen und Ihnen sagen: Jetzt müssen Sie auch etwas machen. Denn seit dem ich Familie habe, frage ich mich oft, wie ich es schaffen kann, authentisch zu sein und Rücksicht auf meine Familie zu nehmen.

Würde ich im Zug immer noch schützend mit dem angefeindeten Ausländer mitgehen, wenn auch meine Familie dabei ist? Und könnte ich mir danach noch in die Augen schauen?

Ich glaube den Punkt, an dem ich noch authentisch bin und bei dem der Preis nicht zu hoch ist, den muss jeder selber finden.

Jeremia macht Gott nicht nur für seinen inneren Konflikt verantwortlich. Er weiß sich auch von ihm gestärkt: „Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Jeremia weiß für sich: Gott stärkt mich. Er hilft mir den Preis zu zahlen, den ich zahlen muss um authentisch zu sein.

Von diesem Wissen, diesem Glauben, haben viele schon profitiert.

Vielleicht müssen auch wir dann, wenn es darauf ankommt authentisch zu sein, auch Gott mit ein berechnen. Gott der uns stärkt und wie ein starker Held bei uns ist.

Amen.

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