Und nun?: Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias (Jes 42,1-4)

Liebe Gemeinde,
selten saß ich so ratlos vor einem Predigttext. Er ist nicht schwierig zu verstehen, ich kann ihm auch zustimmen.
Aber: Er macht eine Aussage – die ich im übrigen sehr schön finde – bei der ich das Gefühl habe: Und jetzt?
Doch vielleicht geht es Ihnen ganz anders. Hören Sie den Predigttext aus dem 42. Kapitel des Jesajabuches
So spricht der Herr:
Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn –
und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben;
er wird das Recht unter die Heiden bringen.
Er wird nicht schreien noch rufen,
und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen,
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
In Treue trägt er das Recht hinaus.
Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen,
bis er auf Erden das Recht aufrichte;
und die Inseln warten auf seine Weisung.

Und jetzt? Da wird uns jemand versprochen! Gottesknecht, der von Gott Auserwählte. Er trägt Gottes Geist, er wird Gottes Gebote durchsetzen. Wie wird das toll sein! Er wird dafür sorgen, dass die Menschen aufeinander achten. Dass die Ausgegrenzen in der Mitte der Gesellschaft ankommen, die Armen genug zu essen haben. Die Menschen werden sich nicht mehr auf sich selbst konzentrieren. Sie werden merken, dass der gemeinsame Blick auf Gott sie verbindet.

Und, das finde ich so faszinierend: Er wird es ganz langsam und leise, ganz sanft durchsetzen. Er wird nicht schreien noch rufen und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
Für mich persönlich absolut faszinierend. Meine lautes Organ hört man tendenziell ja eher auf den Gassen. Und manchmal, wenn die ganze Klasse in der Schule schreit, dann lasse ich einen Brüller los und es ist Ruhe.
Aber auch verstummen und leis werden ist eine Methode, das habe ich in den letzten Jahren gelernt.
Der sanfte Weg ist sein Weg. Das leise Reden mit denen, die Zuneigung und Aufmerksamkeit brauchen, das leise Einwirken im Lärm.
Er nimmt Rücksicht auf die Schwachen. Er gibt nicht auf, auch wenn es eigentlich schon zu spät ist, wenn man es sowieso sein lassen kann, da nichts mehr geht.
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.
Das ist ganz schön schwer, auch das merke ich immer wieder in der Schule. Es ist schwer manche Schüler nicht aufzugeben und nicht zu sagen: Dann halt net, wenn’st net magst!

Aber für ihn sein Ziel wichtiger: Recht. Oder besser: Gerechtigkeit. Und das kann auch bedeuten: Jeder kriegt so viel, wie er braucht. Und das auf der ganzen Erde, von einem Kontinent bis zum anderen, bis zur letzten Insel, ganz weit draußen.
Gott kennt keine Grenzen. Überall wird sein Knecht erwartet,
Und nun?
Je mehr ich der Sanftheit des Gottesknechtes zuhöre und ihr nachträume, um so mehr fallen mir die brutalen Schrecken der Welt, die Gewalt und das Blutvergießen ein.
Wo ist denn hier dein sanfter Sieg? So schreit es in mir.
Und dann fallen mir Menschen, die sich von Jesus und der Sanftheit des Gottesknechtes haben inspirieren lassen: Gandhi, Rose Parks, die Frau die den Busstreik mit Martin Luther King auslöste, Tutu, die Oktoberdemonstrationen der DDR und noch viel mehr.

Wir leben in einer unerlösten Welt, in der beides nebeneinander steht. In der wir nur um Erlösung beten können.

Und nun?
Ich merke: Der Text, die Beschreibung der Sanftheit lässt mich nicht los. Vielleicht kann er mich auch inspirieren: In der Schule, wenn die Klasse lärmt. Zuhause, bei den müden Kindern.
Oder wenn ich etwas erreichen will.
Vielleicht ist dieses und nun ganz gut: Denn wenn ich keine Antwort kriege, knabbere ich weiter dran und die Sanftheit bewegt so mein Herz.
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre euren Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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