Sex, Geld und Heiligkeit – Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis (1. Thess 4, 1-8)

Liebe Gemeinde,
wenn Sie versuchen im Internet die Anzahl der Heiligen zu erfahren, so scheitern sie schnell. Etwas über 8000 dürften es nach meinen Berechnungen in der katholischen Kirche sein, nachdem Papst Franziskus auf einen Schlag über 800 Personen heilig gesprochen hat.
Wie vielees in den Orthodoxen Kirchen sind ist unklar.
Und bei uns Evangelischen? „Keine!“ würden gut Evangelische Antworten. Dabei ist das Falsch. „Noch viel mehr als bei den anderen!“ lautet die korrekte Antwort. Denn: Wir alle sind Heilige.
Bei uns gibt es keine Heilig-Sprechung, keine Wunder die getan werden müssen. In der Evangelischen Kirche reicht der Glaube an Jesus, die Beziehung zu Gott um heilig zu sein. Heilig, das heißt eigentlich zu Gott gehörig. Und das sind wir: Durch unseren Glauben und als sichtbares Zeichen: Durch die Taufe.
Das tolle ist ja: Wer heute im Katholizismus heilig werden will, dessen Lebenswandel muss penibelst geprüft werden. Der Lebenswandel darf der Heiligkeit nicht im Wege stehen. Nur wer ein heiliges Leben führt, ein Glaubensvorbild im Alltag ist, nur der kann heilig sein.
Da hätten wir wahrscheinlich wenig Chancen heilig zu werden. Und doch sind wir es. Wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, wie es das Glaubensbekenntnis sagt.
Denn: Nicht unser Lebenswandel ist das entscheidende, sondern unser Glaube.
Und durch den Glauben sind wir heilig. Durch den Glauben nimmt uns Gott an, egal wie wir unser Leben gestalten.
Und dennoch: So ganz unrecht hat die katholische Kirche nicht, denn der Lebenswandel zeigt, wie sehr man sich von seinem Glauben berühren lässt. Wenn mir mein Glaube wichtig ist, dann wird sich das im Lebenswandel ausdrücken. Und umgekehrt: Am Lebenswandel eines Menschen erkenne ich seine Einstellung.
In unserem heutigen Predigttext geht es Paulus um den Zusammenhang zwischen Heiligkeit und Lebenswandel.
Er stellt sie allerdings in einem anderen Zusammenhang als wir es gerade getan haben, denn er lebt in einer anderen Situation. Er rechnet im 1. Thessalonicherbrief noch damit, dass Jesus sehr bald wiederkommen wird und das Gericht beginnen wird. Vielleicht nächste Woche, vielleicht nächsten Monat, längstens in 1-2 Jahren.
Und in dieser kurzen Zeit kann man ruhig schauen, dass man einen perfekten Lebenswandel hat, denn für Paulus zur damaligen Zeit beweist er die Heiligkeit.
Wir leben heute in einer anderen Situation. Wir rechnen nicht mehr damit, dass morgen Jesus wiederkommt. Wir wissen, es kann sein, dass wir es nicht mehr erleben.
Aber die Frage: Zeigt mein Leben meinen Glauben? Diese Frage hat die Jahrhunderte überdauert
Paulus schreibt an im 1. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki im 4. Kapitel folgendes:
Noch zu etwas anderem, Brüder und Schwestern:
Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen.
Und ihr lebt auch schon so.
Nun bitten und ermahnen wir euch unter Berufung auf den Herrn Jesus: Macht darin auch weiterhin Fortschritte.
Ihr kennt ja die Anweisungen, die wir euch im Auftrag des Herrn Jesus gegeben haben.
Denn es ist der Wille Gottes, dass ihr heilig seid.
Und das bedeutet: Unterlasst alle verbotenen sexuellen Beziehungen. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen.
Folgt nicht den leidenschaftlichen Begierden, wie es die Heiden tun, die Gott nicht kennen.
Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm.
Denn all diese Dinge unterliegen dem Strafgericht des Herrn.
Das haben wir euch aber auch schon früher gesagt und euch ausdrücklich darauf hingewiesen.
Denn Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zur Heiligkeit.
Wer diese Berufung zurückweist, weist demnach nicht einen Menschen zurück. Er weist vielmehr Gott zurück, der euch mit seinem Heiligen Geist erfüllt.
Liebe Gemeinde,
ich werde mit dem Text nicht wirklich warm. Mir ist da zu viel an Ermahnung drin, zu viel moralischer Zeigefinger. Ich werde das Gefühl nicht los, dieser Paulus macht an unserem Leben fest, ob wir Heilig sind.
Dieser Brief ist der erste, den er schrieb. Mir ist der Paulus im letzten lieber: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, … Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben…: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
Im Römerbrief, seinem letzten Brief, betont er den Glauben als das selig-machende, nicht den Lebenswandel. Und so wurde der Römerbrief zur Inspiration für Luther.
Aber vielleicht tue ich Paulus unrecht, denn auch im 1. Thessalonicherbrief schreibt er von der Heiligkeit, die schon da ist: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr euer Leben führen müsst, um Gott zu gefallen.
Und ihr lebt auch schon so.
Nun bitten und ermahnen wir euch unter Berufung auf den Herrn Jesus: Macht darin auch weiterhin Fortschritte.
Und:
Denn Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zur Heiligkeit.
Wer diese Berufung zurückweist, weist demnach nicht einen Menschen zurück. Er weist vielmehr Gott zurück, der euch mit seinem Heiligen Geist erfüllt.
Letzteres bedeutet: Gott erfüllt uns mit dem Heiligen Geist. Und der Heilige Geist lässt uns ein heiliges Leben führen, ein Leben, das zu Gott passt und bei dem Andere dann sehen: Ja, dieser Mensch will zu Gott gehören.
Das ist auch das was Luther glaubte: Gott bringt uns im Glauben zum Überfließen, wie er es sagt, zu den Werken in Liebe. Durch den Glauben kommen wir Gott nahe und das wirkt sich in unserem Leben aus.
Paulus ermahnt in zwei Punkten, ich bin mir sicher, diese Liste könnte man ergänzen. Aber vielleicht sind es einfach zeitlose Punkte: Sex und Geld.
Fangen wir mit dem Sex an. Paulus schreibt: Unterlasst alle verbotenen sexuellen Beziehungen. Jeder von euch soll lernen, mit seinem eigenen Körper in heiliger und ehrenhafter Weise umzugehen.
Folgt nicht den leidenschaftlichen Begierden, wie es die Heiden tun, die Gott nicht kennen.
Nimm deinen Körper und den des anderen Ernst! Folge nicht einfach deinen Begierden, sondern beachte dass dein Körper etwas besonderes ist. Jemandem körperlich nahe zu kommen, ist auch etwas besonderes. Es bringt einen auch emotional nahe, macht sich und den anderen sehr verletzlich.
Daher: Sei vorsichtig, wenn es um das Thema Sex geht
Und Geld: Geld regiert die Welt. Bei Geld da hört die Freundschaft auf! Diese Sprichwörter sie zeigen: Geld ist wichtig in der Beziehung der Menschen zueinander. Offensichtlich war es das auch schon bei den ersten Christen.
Deshalb ermahnt Paulus kurz und knapp: Setzt euch in geschäftlichen Angelegenheiten nicht über euren Bruder hinweg und bereichert euch nicht an ihm.
Ein Satz der es in sich hat. Heute vielleicht noch mehr als vor 2000 Jahren.
Vielleicht denken Sie sich jetzt: Ach, ich mache nicht viel Geschäfte und mit Leuten aus der Gemeinde eh nicht, kein Problem!
Aber: Wir setzen uns in unserem Leben wie wir es führen, ständig über unsere Brüder hinweg und bereichern uns an ihnen.
Wer sein Hemd bei C&A oder Esprit oder irgendeiner anderen führenden Marke kauft, der bezahlt für etwas, bei dem unsere Brüder in Thailand oder Kambodscha oder wo gerade die Nähbänke stehen, ausgebeutet werden. So knallhart muss man es sagen. Bei der meisten Kleidung die ich gerade trage ist ein Bereichern im Spiel. Versuchen Sie einmal Kleidung zu finden, die fair gehandelt ist; Kleidung, bei der keine asiatischen Kinder oder Frauenhände zu Spottlöhnen mitgearbeitet haben, damit wir uns über einen billigen Preis freuen können. Das ist schwer und vor allem: sehr, sehr teuer.
Ich habe mir in den letzten Jahren wenige Hemden, die zu fairen Löhnen in Europa produziert wurden, angeschafft. Und mehr unfaire, denn nur die fairen könnte ich mir nicht leisten.
Und dann reden wir noch nicht über die Hose, die Unterhose, das Unterhemd, die Socken, den Schlafanzug und vieles mehr.
Ganz ehrlich: Unsere Kleidung basiert auf unfairen Geschäftsbedingungen.
Und beim Essen geht es weiter: Der Kaffee, die Schokolade, der Kakao, die Nüsse, all das aus fremden Ländern: Bei uns sehr bezahlbar, dort oft zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben
Und die Diskussion um die Milchbauern zeigt endlich auch bei uns: Essen kostet, damit wir unsere Brüder nicht übervorteilen!
Ich denke wir müssen ehrlich mit uns sein: Ja, wir übervorteilen unseren Bruder bei Geschäften. Einfach weil wir hier leben, wo wir leben und wie wir leben.
Und unsere Heiligkeit sie fordert von uns: Setzt euch dagegen ein! Fragt bei der Kleidung nach wo sie herkommt. Leistet euch auch mal ganz bewusst ein fair hergestelltes Hemd.
Kauft den fairen Kaffee und die Milch möglichst vor Ort.
Fragt den Händler nach den Geschäftsbedingungen.
Und fragt danach, wie unsere weltweiten Handelsabkommen gestaltet werden.
Ich will jetzt nicht in den moralischen Zeigefinger verfallen. Aber ich glaube auch: In unserem Leben zeigt sich, wie sehr wir unseren Glauben ernst nehmen und uns davon berühren lassen.
Unser Lebenswandel entscheidet nicht ob wir heilig sind. Er zeigt aber, ob unsere Heiligkeit sichtbar ist und eine Inspiration für andere sein kann.
Denn Heilige, die wie sie auch die die anderen Kirchen kennen und verehren, das sind nach evangelischer Auffassung Glaubensvorbilder und Inspirationen.
Amen.
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