Prophetie beruht auf Vertrauen – Predigt zu Jes 29, 17-24 (12. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Gemeinde!
„Es dauert nicht mehr lang, bald sind wir da“ „Nur noch ein bisschen, eine kleine Weile“. Meist sage ich, sagen das sicherlich viele Eltern im Auto. Die Kinder sind ungeduldig, und das „Bald“, das ist so ein schön flexibler Begriff.
Wenn zu uns Erwachsenen einer sagt „Ich bin bald da“ dann wissen wir, das kann noch dauern. Das haben wir gelernt.
Mit dem gleichen Misstrauen, das wir solch ungenauen Zeitangaben entgegen bringen, gehen wir vielleicht auch an unseren heutigen Predigttext heran. Denn er macht auch nichts anderes, er sagt: Bald wird es geschehen! Nur: Versprochen wurde es schon vor 2700 Jahren und da sind wir immer noch nicht. Doch hören Sie selbst, was uns versprochen wurde, verkündigt durch den Propheten Jesaja, aufgeschrieben im 29. Kapitel:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches,
und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn,
und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht
und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor,
und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen,
und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde,
was für ein Eindrucksvolles Bild:
die Tauben werden hören, die Blinden werden sehen
die Elenden sich freuen
die Ärmsten fröhlich sein

Ja, da sind wir schon manchmal nahe dran. Taube können manchmal durch die Medizin wieder hören, manch Erblindeter wieder sehen, den Ärmsten und Elenden geht es wesentlich besser als vor 2700 Jahren, zumindest bei uns.
Und dennoch ist die Prophetie noch nicht ganz eingetreten.
Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht
und stellen dem nach, der sie zurechtweist
und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Oh ja, Tyrannen haben wir noch jede Menge, dafür muss man nur bis an die Grenzen Europas schauen.
Und das so viele Flüchtlinge zu uns fliehen hat seinen Grund auch in den Dikatoren unserer Welt.
Menschen, die über andere Spotten kennt jeder von uns aus seinem Umfeld,
ebenso so solche, die absichtlich Unheil anrichten,
die Kritik nicht vertragen,
die Lügen um Recht zu beugen.
Nein, da sind wir noch ganz weit weg von dem Idealbild, das Jesaja verkündigt und Gott uns verspricht.
„Eine Kleine Weile“, sie dauert nun doch schon 2700 Jahre, unser angelerntes Misstrauen gegenüber der ungenauen Zeitangabe scheint berechtigt.

Ist es vielleicht ein Grund gleich zu sagen: Was für ein Schmarn, das tritt sowieso nie ein?
Prophetie ist doch nur das versprechen von Illusionen?

Vielleicht lohnt es sich darauf zu schauen, was Prophetie ist. Prophetie ist das Ansagen der Misstände in der Welt. Es ist gleichzeitig Gottes Versprechen, dass sich etwas ändert. Manchmal zum schlechteren, in unserem Predigttext zum Guten.
Prophetie ist Wort Gottes, weil Gott in ihr spricht.
Und sie ist gleichzeitig Menschen-Wort, da ein Mensch sie ausspricht: Der Prophet, der das Recht für sich in Anspruch nimmt für Gott zu reden.

Ich kann also der Prophetie nur dann vertrauen, nur dann an sie glauben, wenn ich 1. dem Propheten vertraue und 2. Gott.

Die Frage: „Welchem Propheten vertraue ich“ ist eine Frage, die genauso alt sein dürfte, wie die Prophetie. Denn immer gab es schon Zweifel am Propheten und Propheten die gegensätzliches verkündigt haben.
Besonders bekannt sind da die Heilspropheten am Hof von Jerusalem und Juda, die dem König bei jedem seiner Entscheidungen Heil, also Erfolg verkündigt haben. Sie haben in Gottes Namen nach dem Mund geredet.
Propheten wie Jesaja, die auch Unrecht benannten oder Unheil verkündigten hatten es am Königshof schon schwerer.
Doch wer hatte nun Recht, wem konnte man vertrauen?
Recht hatte der, der Recht hatte.
Wenn einer verkündigte: Die Ägypter werden dich besiegen, bleibe also Vasalle und lehn dich nicht auf! Und die Ägypter besiegten den König, dann hatte er Recht.
Und der König wusste mit der Zeit: Durch diesen Propheten spricht Gott, diesem kann ich vertrauen.
Ich denke, das ist ähnlich wie mit Freunden: Wenn einer gute Ratschläge erteilt, dann weiß ich: Auf diesen sollte ich hören, auf andere vielleicht eher nicht

Aufgeschrieben und uns überliefert wurden dich, die Recht hatten, bei denen sich Prophetien bewahrheitet haben. Soweit wie der Prophet Jesaja, dem man – nach Maßstäben der Prophetie – vertrauen kann.

Doch was ist mit Gott: Kann ich ihm das zutrauen, das Diktaturen gestürzt werden, Menschen sich verändern?
Ich denke, das ist eine ganz persönliche Entscheidung.
Ich persönlich erzähle gerne von Südafrika in den 90ern. Die Apartheid war am Ende, aber nur wenige konnten es sich eingestehen. Und wenige waren bereit ihre Macht und ihren Reichtum zu teilen. Aber einige führende Politiker haben es erkannt: So geht es nicht weiter, so bricht Krieg aus. Und sie begannen Geheimgespräche. Und es gab Menschen, die keine Diplomaten waren, aber zu vermittlern wurden.
Es gab auf der anderen Seite Politiker, die des Terrors leid waren.
Heraus kam: Ein friedlicher Wandel.
Ein Beispiel von vielen. Ich persönlich traue es Gott zu. Ich traue ihm zu, dass eines Tages, es den Armen richtig gut geht und die Lügner verwandelt werden und nicht mehr lügen.

Aber wann? Eine kleine Weile kann lang sein, auch das weiß ich. Gottes Zeit ist nicht meine Zeit. Vielleicht erlebe ich es noch, vielleicht erlebe ich aber nur Anfänge davon. Spuren dieser neuen Welt, die wir Gottes Reich nennen.
Amen

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