Gott hat ein weites Herz… Predigt zur Jahreslosung 2015 (Röm 15,7)

Liebe Gemeinde,
manchmal gibt es Predigttexte, da ist es gut, dass wir Pfarrer die Sprachen der Bibel, Griechisch und Hebräisch können. Der heutige Predigttext, die Jahreslosung für das bevorstehende Jahr, der ist so einer, da ist es gut. Denn das, was im Griechischen steht, lässt sich im Deutschen nur ganz schwer wiedergeben.
So ist es im Luthertext übersetzt, aus dem Römerbrief 15, Vers 7, Sie haben es auch als Karte vorliegen:
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Wie hören Sie diese Aufforderung? Geht bei Ihnen auch ein kleines Männchen an, das sagt: Oh, ich muss zuerst die anderen Annehmen, dann nimmt Christus mich an.
Oder das sagt: Ich muss die anderen annehmen um Gott zu loben. Tue ich dies nicht, so lobe ich die anderen nicht.

Im Griechischen wird durch die Zeit ganz klar: der Satz „wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ ist ein abgeschlossenes Geschehen. Das heißt: Christus hat euch, hat Sie, hat mich bereits angenommen. Er hat schon gesagt: Du, Gerhard, Du bist angenommen, so wie du bist. Mit deinen Stärken und Schwächen, mit positiven und negativen Seiten: Du bist angenommen. Schon jetzt.

Und im Griechischen gehört das „zu Gottes Lob“ zum Angenommen sein durch Christus. Das heißt:
Dass Christus uns annimmt Lobt Gott. Oder anders gesagt: Schaut einmal wie groß das Herz Gottes ist. Schaut einmal wen er annimmt: Sogar den, der sich mit seiner Frau streitet. Der, der mit seinen Mitmenschen ungeduldig ist. Der, der nie in die Kirche geht.
Im Leben von Jesus sehen wir, wen er so alles angenommen hat:
Maria Magdalena, wahrscheinlich eine Prostituierte.
Diverse Zöllner – wirkliche Betrüger, mit denen er zusammensitzt und feiert.
Eine Ehebrecherin, deren Steinigung der verhindert
Petrus, den Aufschneider, der Jesus in der Not verlässt
Den Mörder, der mit ihm gekreuzigt wird.
Seine Mörder: Vergib Ihnen Gott, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sagt er noch.

Jesus hat ein weites Herz. Und wenn man einen Blick ins Alte Testament wirft, sind dort von Gottesleuten alle Sünden begangen worden, die vorstellbar sind.
Abraham verleugnet seine Frau.
Jakob betrügt Esau
Mose erschlägt einen Aufseher.
David schickt einen Soldaten in den Tod.
Und vieles, vieles mehr.
Sie alle sind von Gott angenommen worden. Gott hat ein weites Herz. Dafür kann man ihn loben: Gott hat ein weites Herz. Er nimmt auch die Sünder an.
Und auch uns wir. Wir sind schon angenommen, sagt Paulus. Zum Lob Gottes.

Nehmt die anderen an, denn auch ihr seid angenommen. Erzählt den anderen von der Freude, dass Gott mich mag und annimmt, mit allen meinen Schwächen.
Gib die Freude, die Botschaft weiter.
Und probier es mal selber aus: Den anderen annehmen.
Das kann schwer werden, vor allem, wenn es jemand ist, den ich echt nicht mag. Oder der mich mit manchen Eigenarten ziemlich nervt. Ja, das kann schwer werden. Aber ganz ehrlich: Ich bin ja auch nicht ohne und trotzdem von Gott angenommen.
Wie kann annehmen aussehen? In manchen Bibeln wird es mit „aufnehmen“ übersetzt und das Griechische Wort kann „in die Gemeinschaft aufnehmen“ bedeuten.
Das heißt ich versuche mit meinem Gegenüber in eine Gemeinschaft zu kommen. Und manchmal ist das auch ganz leicht:

Ein Beispiel haben Sie auf der Karte: Ein Strauß Blumen. Eine Pfarrerin erzählte davon, dass Sie einmal von einer Bekannten Blumen bekam, gerade an dem Tag, als sie es brauchte. Einfach so. Die Bekannte macht manchmal einen Blumentag und verschenkt Blumen an jemand im Bekanntenkreis, der es braucht.

Oder jemanden aufnehmen ins Haus: Der auf dem Fahrrad ohne Geld aufbricht. Der mit einem Chor bei uns singt. Der aus Papua-Neuguinea unser Dekanat besucht. Das schafft eine kurze Gemeinschaft.

Und natürlich das Gespräch über den Gartenzaun, an der Kasse im Geschäft, auf der Strasse: Wie geht es Ihnen? Und den Kindern oder Enkeln? Alles Gut? Das ist schön!

Nehmt einander an. Versucht in Gemeinschaft zu kommen. Nur ein bisschen, das reicht erstmal.
Und wenn es mal nicht klappt: Nicht so schlimm. Denn: Christus hat uns bereits angenommen.
Amen.

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