Das Geschenk der Gemeinschaft – Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias (Hebr 12,12-25)

Liebe Gemeinde,
irgendwann war der tägliche Kuss einfach nicht mehr so wichtig. Klar, er war ein tägliches Ritual, gehörte dazu, aber die Liebe und Fürsorge, der Zauber des Anfangs, der war weg. Und dann ging er auch nach und nach verloren. Er wurde einfach immer weniger, mit jedem Streit, jedem Ärger aufeinander. Und dann war er weg. Als unwichtiges Relikt der ersten Liebe verschwunden.
Die Wertschätzung der Liebe, das Wissen im anderen jemand Besonderes gefunden zu haben – sie war eingeschlafen und hat sich langsam aus dem Leben verabschiedet. Das kann bei der Liebe passieren, aber auch bei vielen anderen Dingen des Lebens.
Wenn ich mich einmal an etwas besonderes, etwas Schönes gewöhnt habe, dann schleicht die Gewohnheit ein. Und mit ihr nimmt die Wertschätzung ab.
Diese Erfahrung machen auch die ersten christlichen Gemeinden, an die der Hebräerbrief schreibt. Viele Juden wurden Christen. Sie erlebten eine für sich befreiende Sicht auf Gott, der in Jesus Mensch geworden war und dadurch sehr persönlich wurde. Doch mit der Zeit nimmt die Begeisterung ab. Und mit ihr auch die Verbundenheit der Gemeinde, das aufeinander Achten. Und so ermahnt der Hebräerbrief die judenchristlichen Gemeinden in einem längeren Abschnitt, der voller Hinweise auf die hebräische Bibel, das Alte Testament, ist:
Darum stärkt eure müden Hände und eure zitternden Knie und lenkt eure Schritte entschlossen in die richtige Richtung. Denn die lahm gewordenen Glieder dürfen sich nicht auch noch ausrenken, sondern sollen wieder heil werden.
Bemüht euch mit ganzer Kraft um Frieden mit jedermann, und richtet euch in allem nach Gottes Willen aus. Denn ohne ein geheiligtes Leben wird niemand den Herrn sehen.

Achtet darauf, dass niemand sich selbst von Gottes Gnade ausschließt! Lasst nicht zu, dass aus einer bitteren Wurzel eine Giftpflanze hervorwächst, die Unheil anrichtet; sonst wird am Ende noch die ganze Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen. Achtet auch darauf, dass niemand ein unmoralisches Leben führt oder mit heiligen Dingen so geringschätzig umgeht wie Esau, der sein Erstgeburtsrecht für eine einzige Mahlzeit verkaufte.
Ihr wisst, wie es ihm später erging: Als er den Segen bekommen wollte, der ihm als dem Erstgeborenen zustand, musste er erfahren, dass Gott ihn verworfen hatte. Er fand keine Möglichkeit mehr, das Geschehene rückgängig zu machen, so sehr er sich auch unter Tränen darum bemühte.

Nun habt ihr Gott ja auf ganz andere Weise kennen gelernt als die Israeliten damals am Sinai. Der Berg, zu dem sie kamen, war ein irdischer Berg. Er stand in Flammen und war in dunkle Wolken gehüllt. Es herrschte Finsternis, ein Sturm tobte,
Posaunenschall ertönte, und eine Stimme sprach zu ihnen, vor der sie sich so fürchteten, dass sie inständig baten, kein weiteres Wort mehr hören zu müssen.
Denn schon zuvor, als es hieß, alle müssten gesteinigt werden, die dem Berg zu nahe kämen – gleich, ob Menschen oder Tiere –, hatten Angst und Schrecken sie befallen.
Das ganze Geschehen, das sich vor ihren Augen abspielte, war so Furcht erregend, dass selbst Mose bekannte, er zittere vor Angst.

Ihr hingegen seid zum Berg Zion gekommen, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem Jerusalem, das im Himmel ist. Ihr seid zu der festlichen Versammlung einer unzählbar großen Schar von Engeln gekommen und zu der Gemeinde von Gottes Erstgeborenen, deren Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Ihr seid zu Gott selbst gekommen, dem Richter, vor dem sich alle verantworten müssen, und zu den Gerechten, die bereits vollendet sind und deren Geist bei Gott ist. Und ihr seid zu dem Vermittler des neuen Bundes gekommen, zu Jesus, und seid mit seinem Blut besprengt worden – mit dem Blut, das noch viel nachdrücklicher redet als das Blut Abels.
Hütet euch also davor, den abzuweisen, der zu euch spricht!

Wortreich, voller Bilder und Anspielungen ist dieser Text. Es lohnt sich, ihn der Reihe nach durchzugehen:
Zuerst steht ein eindrückliches Bild der Müden Hände und Füße: Darum stärkt eure müden Hände und eure zitternden Knie und lenkt eure Schritte entschlossen in die richtige Richtung. Denn die lahm gewordenen Glieder dürfen sich nicht auch noch ausrenken, sondern sollen wieder heil werden.
Die richtige Richtung, das ist das richtige Leben als Gemeinde. In ihm zeigt sich der Glaube. Und der Hebräerbrief wird sehr konkret: Sucht Frieden mit Jedermann. Am Frieden wird eine christliche Gemeinde erkannt werden.
Führt ein geheiligtes Leben, ein Leben an dem man von außen erkennt, dass ihr Christen seid.
Achtet darauf, dass niemand ein unmoralisches Leben führt. Das heißt auch: Achtet aufeinander. Warnt euch vor Gefahren, stärkt euch bei Problemen.
Denn, auch das weiß der Hebräerbrief: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. Oder in den Worten des Hebräerbriefs: Eine giftige Wurzel, kann die ganze Gemeinde verderben.
Achtet aufeinander, stärkt euch Gegenseitig, ermutigt euch zum richtigen Leben, dem Leben nach Gottes Maßstäben, ein Leben das nach außen wirkt.

Und: Passt auf, dass ihr die Gnade Gottes nicht selbst ausschließt. Ermutigt euch, im Gespräch mit Gott zu bleiben, Gottes Nähe nicht abzulehnen.
Im Vergleich zu damals sind wir eine große Gemeinde. Und bei uns fehlt die Offenheit über Glaubensdinge so einfach miteinander zu reden. Bei vielen Menschen haben wir das Gefühl: Sie lehnen vielleicht Gottes Nähe ab, können die Gemeinde und die Kirche nicht mehr Wertschätzen.
Der Hebräerbrief warnt mit der drastischen Geschichte von Esau: Der verkaufte sein Erstgeburtsrecht, den Segen des Vaters, für einen Teller Linsensuppe, also nen Appel und nen Ei, an seinen Bruder Jakob. Und als er den Segen holen wollte, sagte Isaak, Esaus Vater: Aller Segen schon vergeben!  Das führte zur Flucht Jakobs und dazu, dass Esau ungesegnet blieb. Für die Vorstellung der damaligen Zeit schrecklich.
So drastisch warnt uns der Hebräerbrief: Einmal Segen abgelehnt, weg ist er. So schnell kann auch Gottes Liebe weg sein!

Hier muss ich widersprechen, ähnlich wie schon Luther widersprochen hat. Ich glaube fest daran, dass Gottes Gnade nicht verschwindet. Es ist ein Geschenk, eine Tür, die uns immer offen bleibt. Wir können von ihr weg gehen, aber sie bleibt offen. Nur für den Fall, dass wir wiederkommen.
Denn auch die Geschichte mit Jakob und Esau endet nicht mit dem Zerwürfnis der beiden. Die Bibel erzählt, dass viele Jahre später Jakob in seine Heimat zurückkommt, er Esau um Vergebung bittet und dieser ihm verzeiht.
So denke ich ist es mit Gott. Und so sollten wir nicht über andere urteilen, die wir nur gelegentlich in der Kirche sehen, oder die sagen, sie können wenig mit dem Glauben anfangen. Wer weiß, wo sie sich gerade auf ihrem Weg mit Gott befinden. Auf dem Weg weg oder wieder hin oder vielleicht waren sie auch nie weg.

Um Gott nahe zu bleiben, seine Liebe Wertzuschätzen, braucht es eine Motivation, eine Vision.
Der Hebräerbrief versucht seine Leser zu motivieren, indem er Ihnen klar macht, wie nahe sie Gott sein können. Wie sehr sie immer direkt mit ihm reden können.
Um das zu betonen, zeichnet er in schwarz und weiß. Schwarz, das Judentum, weiß das Christentum. Er sagt: Der jüdische Glaube ist wie die Erscheinung am Berg Sinai: Gott ist gewaltig, erschreckend, furchteinflößend.
Gott aber ist ganz anders: Er ist wie die Visionen vom Berg Zion, vom himmlischen Jerusalem. Und er sagt: Ihr seid schon da:
Ihr seid zu der festlichen Versammlung einer unzählbar großen Schar von Engeln gekommen und zu der Gemeinde von Gottes Erstgeborenen, deren Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Ihr seid zu Gott selbst gekommen, Und ihr seid zu dem Vermittler des neuen Bundes gekommen, zu Jesus, und seid mit seinem Blut besprengt worden – mit dem Blut, das noch viel nachdrücklicher redet als das Blut Abels.

Das besprengte Blut, ein sonderbares Bild für unsere Ohren: Das Buch Genesis berichtet, dass nach dem Mord an Abel Gott Kain sofort fragte: Wo ist dein Bruder? Sein Blut schreit bis in den Himmel.
Das Blut Abels, es ist eine schnelle Verbindung zu Gott.
Unsere Verbindung ist noch schneller, wir sind Gott noch näher, wir sind direkt bei ihm! Jesu Blut ist besser als Abels Blut! So drückt es der Hebräerbrief aus.

Die Frage ist: Nützen wir es? Pflegen wir unsere Verbindung zu Gott?
Ist uns unser Glaube wichtig?
Und leben wir ihn? Jeder für sich und wir miteinander? Achten wir aufeinander in unserer Gemeinde? Fragen wir: Wie geht es dir? Und kann ich dir irgendwie helfen? Willst du über deine Probleme reden?
Sagen wir einander: Das war nicht so schön, das hat mich verletzt?

Denn unsere Gemeinschaft als Christen ist ein Geschenk. Nirgendwo sind Menschen so stark miteinander verbunden. Menschen, unterschiedlich alt, unterschiedlich reich, unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Miteinander verbunden. Hier und Weltweit.
Ist das nicht wunderbar?
Amen.

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