Bete – Gott antwortet mit dem Heiligen Geist: Predigt zum Sonntag Rogate, 21. Mai 2017 (Luk 11,5-13)

Liebe Gemeinde,
in diesem Gottesdienst beten wir ungefährt 6 mal. Also statistisch alle 10 Minuten. Ganz am Anfang für den Segen um den Gottesdienst, dann das tagesspezifische Gebet vor der Lesung, die Bitte um Segen vor und nach der Predigt, die Fürbitten und das Vater Unser.
Warum beten wir? Nur um unser Herz auszuschütten. Nur um zu sagen: Gott, wir sind da, so geht es mir?
Fast immer bitten wir um etwas. Das deutsche Wort Beten, das kommt vom Wort bitten.
Wir bitten im Vertrauen auf Gott, in der Hoffnung das er uns hilft.
Oft haben wir das Gefühl: Da passiert nichts. Da kommt keine Hilfe, keine Antwort.
Das Gefühl haben Menschen glaube ich schon immer. Und so erzählt Jesus folgende Geschichte, die Lukas im 11. Kapitel seines Evangeliums aufgeschrieben hat:

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?
Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?
Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Wie ist das mit dem Beten und der Hilfe?
Jesus sagt: Bitte! Bitte oft, wenn es dir wichtig ist. Bitte immer wieder. Sei wie einer, der bei seinem Freund Sturm klingelt.
Es ist spannend: Anscheinend waren die Leute damals auch nicht anders als heute: Warum störst du mich um Mitternacht? Ich schlafe schon, die Tür ist schon zu! Komm morgen wieder!
Meine Frau und die Kinder schlafen schon! Lass mich in Frieden!

Aber: Dem draußen ist sein Freund, der plötzlich zu Besuch kam wichtig. Er klingelt weiter Sturm. „Na gut, ich komm ja schon! Damit du endlich Ruhe gibst! Nimm und geh endlich!“

Klingelt Sturm, wenn es euch wichtig ist! Klingelt Sturm bei Gott. Sagt ihm, was euch wichtig ist, nervt ihn! Gott hilft, wenn man ihn nervt!
Bittet, so wird euch gegeben!
Suchet, so werdet ihr finden!
Klopft an, so wir euch aufgetan!
Und das wiederholt er nochmal.

Ganz ehrlich: Ich erschrecke etwas über diese Aussage. Denn es gibt zu viele Situationen in meinem Leben, zu viele Menschen, die ich begleitet habe, wo ich das Gefühl habe: Nein, da wurde gebeten und nicht gegeben.
Da wurde gesucht und nicht gefunden
Geklopft und die Tür blieb zu.

Ich denke an eine Beerdigung, wo eine Mutter viel zu jung starb, im Alter meiner Frau. Was wurde da für etwas mehr Zeit mit ihren Kindern gebetet. Nur 1-2 Jahre, bis sie aus dem Gröbsten raus sind.
Der Tod kam nach nicht mal 6 Monaten.
Gebeten und nicht gegeben?

Ich denke an eine Mutter mit Gehirntumor. Nicht operabel. Und die Chemo scheint nicht anzuschlagen, er wächst.
Seit über zwei Jahren wird gebetet, die Verzweiflung ist groß, die Angst um so mehr.
Die Familie bräuchte mal ein paar angstfreie Monate und Jahre.

Da denke ich mir: Jesus, war das nicht zu einfach dahingesagt: Das Sturm klingeln scheint nicht zu reichen.

Unser Bibeltext, er hört nicht mit „Wer da klopft, dem wird aufgetan“ auf – es kommt ein ganz plastisches Beispiel aus einer Familie im Nahen Osten zur Zeit Jesu:
Wenn mein Kind Fisch will, gebe ich ihm keine Schlange. Wenn es ein Ei will, keinen Skorpion.
Wenn mein Kind Abendessen will, dann gebe ich ihm kein Gift. Ich gebe ihm zu essen.
Weil ich mein Kind liebe.

Seht, ihr, sagt Jesus: Jeder Vater, jede Mutter versorgt ihr Kind. Und ihr, ihr macht Fehler, tut Böses, wie jeder Mensch. Trotzdem versorgt ihr euer Kind mit Gutem.
Gott ist auch ein Vater. Er versorgt seine Kinder, euch.
Er versorgt euch – und jetzt kommt glaube ich der Knackpunkt – mit dem Heiligen Geist.

Gott gibt uns also nicht unbedingt das, was wir erbeten.
Er gibt uns den Heiligen Geist.

Der Heilige Geist, das ist Gottes Kraft in unserem Leben. Er ermöglicht uns Gott in unserem Leben zu erkennen.
Er stärkt uns wenn es uns schlecht geht.
Er schickt uns Menschen, die uns helfen, öffnet unser Herz für Texte und Worte die gut tun.
Er hält unsere Verbindung zu Gott aufrecht, auch wenn wir auf ihn wütend sind oder enttäuscht von ihm sind.

Das schwierige für mich als Pfarrer ist: Der Heilige Geist ist in so vielen Beispielen fassbar und dennoch so wenig fassbar. Denn nur im Einzelfall und mit der Hilfe des Heiligen Geistes kann ich – und das auch erst im Nachhinein sagen: Hier war der Heilige Geist dabei.
Ich kann vielleicht erst nach Jahren oder sogar erst nach dem Tod bei Gott erkennen: Hier war der Heilige Geist anwesend.

Wie ist der Heilige Geist vielleicht in meinen beiden Beispielen der anscheinend fehlenden Gebetserhörung anwesend?

Die Familie mit der Beerdigung der jungen Frau wurde arg gebeutelt. Nächste Woche muss ich die Mutter der jungen Frau beerdigen. Die dritte Beerdigung in einem halben Jahr.
„Aber eine Sache noch Herr Pfarrer“, so sagt eine Tochter der verstorbenen Mutter am Telefon. „Könnten Sie wieder das Gebet mit dem Verzeihen sprechen, das Sie bei meiner Schwester gesprochen haben? Das hat gut getan“
Ich kann in die Familie nicht hineinschauen, aber ich glaube, hier habe ich einen kleinen Zipfel des Wirkens des Heiligen Geistes gesehen. Ein Gebet, für mich ein Standard, alte Worte, die ich bei jeder Beerdigung spreche. Wichtig in Zeiten der Trauer für eine schwer mitgenommene Schwester.
Heiliger Geist, mitten da, eine Reaktion auf viele Gebete an Gott, ganz anders als gedacht.

Und die Frau mit dem Gehirntumor? Noch lebt sie. Die Familie geht ganz unterschiedlich mit Trauer um, aber sie halten zusammen.
Ich weiß nicht, wie der Heilige Geist hier wirkt, dafür kenne ich die Familie zu wenig.
Vielleicht ist es der Zusammenhalt, vielleicht Menschen, mit denen man reden kann. Vielleicht wird die Frau auch den Gehirntumor überleben.

Für uns als Christen ist es glaube ich wichtig, für das Wirken des Heiligen Geistes offen zu sein. Die Augen aufzuhalten und zu gucken: Wo wirkt Gott hier.
Auch im Gebet offen zu bleiben und Gott nur zu sagen: Hilf mir, so wie du es für richtig hältst.

Vor einigen Tagen habe ich dazu einen Vorschlag gelesen, den ich selbst noch nicht anwende, aber Ihnen gerne weitergeben möchte:
Ein Gebetstagebuch, in dem ich meine Gebete eintrage. Und eine spalte freilasse für die Antwort Gottes.
Manche berichten, dass Sie nach einiger Zeit einiges eintragen konnten.

Ich habe Ihnen einmal ein paar Notizbücher besorgt.
Nehmen Sie sich eines mit. Fangen Sie ihr eigenes Gebetstagebuch an und berichten Sie mir dann in Zukunft einmal wieviel Spalten sie schon füllen konnten und wie der Heilige Geist bei Ihnen wirkte.
Amen

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